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Der Rest von Münster – Das Kuhviertel

20/11/2012

Was Herr Budenbohm gestartet hat und die Hamburger Bloggerwelt mit Liebe umzusetzen wusste, greift jetzt auch im Pott bei Frau Schuessler um sich. Isa sammelt den Rest der Welt und wenn ich die Artikel so lese, dann denke ich unentwegt…Münster fehlt! Das will ich ändern und starte mit dem Viertel, in dem ich selbst in Münster gestartet bin: Dem Kuhviertel. Kommt ihr aus Münster oder habt ihr hier mal gewohnt? Wenn ihr einen Artikel beitragen wollt, schickt mir den Link. Ich würde mich freuen! Denjenigen, die zwar gerne schreiben möchten, aber keinen eigenen Blog haben, stelle ich hier sehr gerne meinen Blog zur Verfügung!

Matthias Iken schrieb vor gar nicht allzu langer Zeit einen Artikel mit dem Titel “Was Hamburg von Münster lernen kann”, in dem es um die hochgelobte Radfahrkultur in Münster bzw. die kaum existente in Hamburg ging. Das ist wohl das übliche Bild. Münster, die Fahrradhauptstadt der Republik. Und tatsächlich, wenn man in dieser Stadt gut vorankommen will, braucht man ein Rad. Doch der Stadtteil, in dem ich die letzten Jahre meines Studiums zugebracht habe, liegt so zentral, da ist sogar das Rad fast überflüssig gewesen. Man konnte tatsächlich alle nötigen und unnötigen Ziele hervorragend zu Fuß innerhalb von 10-20 Minuten erreichen. Münsters Innenstadt ist flächenmäßig nicht groß und alles scharrt sich eng zusammen und wird zu Münster-Mitte. Und in der Mitte der Mitte findet mach nord-westlich vom Dom unser Kuhviertel.

Das Kuhviertel hat eigentlich nur sieben Straßen, genauer: sechs Gässchen und den Rosenplatz. Noch genauer gesagt fängt das Kuhviertel – vom altehrwürdigen Schlossplatz aus betrachtet – mit der Jüdefelderstraße an und führt über die Kuhstraße zur Hollenbeckerstraße, welche im Rosenplatz mündet. Von da aus kann man dann sowohl die Buddenstraße, als auch die Kreuzstraße komplett einsehen und hat somit in unter 10 Minuten das komplette Viertel gesehen. Nördlich wird es eingegrenzt von der Promenade, westlich vom Schlossplatz. Im Süden und Osten grenzt es direkt an Überwasser mit dem Generalvikariat. Okay, wenn man es ganz genau nehmen will, zählt man wohl noch die Wankelgasse und die Schafgasse zum Viertel dazu. Aber ehrlich gesagt sind diese Gassen mehr kleine Durchgänge zwischen Häusern und würden in Städten wie Berlin oder Hamburg vermutlich keinen eigenen Namen bekommen. Aber hier hat halt alles seine Geschichte und so auch das Kuhviertel und jede kleine Gasse. Ganz ursprünglich (Mittelalter und so) wurde dort Viehhandel betrieben. Im 19. Jahrhundert war es dann ein ganz verwegenes Ganovenviertel. Es hausten hier schaurige Gestalten, die auch noch einer sehr eigenwilligen Sprache fröhnten. Wer mehr darüber lesen will, klickt rüber. Heute lebt hier eine ganz andere Art “Aussetziger”. Immer noch entspricht die Gesellschaft, die es sich in den kleinen Gässchen heimisch gemacht hat, eher nicht dem leicht spießig angehauchten zurückhaltenden Münsteraner-Schick. Hier ist es bunt und laut…zumindest von sechs Uhr abends bis die Ordnungskräfte gegen Morgengrauen die feiernden Massen unter Kontrolle kriegen. Im ganzen Viertel reihen sich Kneipen an Bars an Kunstgalerien und Imbissbuden. Hier findet man die legendäre Destille, die Cavete, das Blaue Haus und die weltberühmte Pinkusbrauerei. Genauso eine Weinbar, einen vegetarischen Imbiss, Asia- und Dönnerläden, La Torre mit der längsten Speisekarte (ja, es gibt nahezu unzählige Möglichkeiten, eine überschaubare Anzahl von Zutaten auf einer Pizza zu kombinieren!) und zur Feierstunde wanken hier einige PartyPilger von Theke zu Theke.Wer tagsüber ins Kuhviertel kommt, dann wegen der Galerien Goeken oder um die Pinkus-Brauerei besichtigen. Vielleicht auch um einen sehr zentralen – wenn auch illegalen – Parkplatz zu finden. Oder man will zum letzten richtigen Brillenmacher der Stadt, dem man morgens durch’s Schaufenster bei der Arbeit zuschauen kann.

In Münsters Kuhviertel leben Künstler, Wirte und Studenten dicht an dicht und kriegen sich täglich in die Wolle mit den alten Herrschaften und Yuppies. Letztere finden es zwar total praktisch, so zentral zu wohnen, hätten aber bitte danke gerne Ruhe und Sicherheit. Aber die gibt es hier nicht. Hier laufen des Nachts auch mal Betrunkene über die parkenden Autos, während sie von den Security-Kräften gejagt werden, und hier werden nach Weiberfastnacht ganze Häuserzeilen evakuiert wegen eines Gasalarms, um dann festzustellen, dass es doch nur der Uringeruch war, der in die Wände eingezogen ist. Hier verzweifelt das Ordnungsamt und droht regelmäßig mit dem Entzug der Konzessionen, und hier treffen sich alternativste Künstler zum Sylvesterfest in der KunSTWerKSTATT, um anschließend große Leinwände mit psychedelisch, großbusigen Vogelstraußen zu bemalen.

Die alten Gaslaternen werden natürlich schon lange mit Strom betrieben und dank der Entscheidung in diesem Viertel nicht alles wieder aufzubauen nach dem Krieg, bestehen die Straßen aus einer grotesken Aneinandereihung von uraltem und neuerem Architekturklamauk.

Wir wohnten lange Jahre genau 5 Häuser entfernt von der Destille. Im Erdgeschoss. Nicht in einem der schönen alten Fachwerkhäuser der Hollenbecker- oder Kreuzstraße, nein in einem feuchten 60er-Jahre Bau mit gigantischem Renovierungsstau. Dort konnte man wunderbar morgens Gläser von der äußeren Fensterbank einsammeln und wenn man feiern ging, brauchte man sich für den Klogang nicht auf die versifften Kneipenörtchen… es ging eh viel schneller, wenn man mal eben nach Hause lief. “Mutig”, sagte man als wir hinzogen. Aber wir haben “unsere” Kuhstraße geliebt und gehen oft noch durch, wenn wir in der Innenstadt sind. Nicht weil man da irgendwas kaufen oder erledigen könnte, einfach nur, um sich nochmal studentisch jung zu fühlen.

Man grüßte und kannte sich damals in unserem heißgeliebten Viertel: Herrn Goeken genauso wie den pferdeschwänzigen Türsteher. Mindestens einmal im Monat duftete das gesamte Viertel nach Malz, der zur Brauerei geliefert wurde. Da sparte man sich einen Tag lang das Lüften besser, sonst roch auch die eigene Wohnung schnell nach Pinkusbier. Zu Send-Zeiten konnte man gut die Schreie der adrenalinberauschten Menschen vernehmen und zur Zeit des Weihnachtsmarktes klopfte hin und wieder ein Niederländer an die Scheibe, um nach dem Weg zu fragen. Von unseren ehemaligen Nachbarn, weiß ich allerdings, dass die Stimmung im Viertel immer angespannter ist. Die Feierwütigen wüten mehr denn je und die Mieterhöhungen stehen in keinem Verhältnis. Probleme die man sicher auch in St. Pauli kennt.

Man ist dort einfach mitten im Leben. Sowohl die Uni, Büchereien, Geschäfte als auch Kirchen und der grüne Fahrradhighway (Promenade) befinden sich in unmittelbarer Nähe. Stadtleben pur. Aber man wohnt auch in alten Häusern, die oft nicht gut isoliert und mindestens genauso häufig angeschimmelt sind. Die Kanalisation ist so alt wie das Viertel und wenn es stark regnet, kann sie den Wassermassen nicht standhalten und verwandelt manche Gasse in einen rauschenden Bach. Und das beim Münsterwetter. Ihr kennt sicher den alten Spruch “In Münster regnet’s oder es läuten die Glocken. Wenn beides zusammenfällt, ist Sonntag.”. Naja, der ein oder andere Anwohner freut sich auch über einen kräftigen Regen am Morgen, der sein vollgekotztes Fahrrad/Auto wieder sauber spült.

Wir jedenfalls waren irgendwann fertig mit dem Studieren und mit den ersten richtigen Jobs kamen auch die frühen Arbeitszeiten. Diese vertragen sich dann nicht mehr so gut mit einer Erdgeschosswohnung mitten im Leben eines Partyviertels. Also zogen wir an den Stadtrand, aber dazu vielleicht ein andermal mehr.

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