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TrauerArbeit

18/10/2012

Ob es der Herbst ist? Die dunkleren Tage und die langsam hineinkriechende Kälte haben mir immer schon zugesetzt. Es wird in dieser Jahreshälfte viel intensiver gefühlt, meine ich. Die Leichtigkeit des Sommer’s schwindet langsam und an die Kälte muss ich mich gewöhnen.

Dieses Jahr wartet meine Familie zudem auf zukünftige Veränderungen. Veränderungen für die ich nicht bereit zu sein scheine obwohl es mich nur sekundär betrifft. Die letzten Monate haben für mich viele Entwicklungen gebracht und doch ist in einem wichtigen Teil meines Lebens die Zeit stehen geblieben. Das macht mir dieser unruhig einziehende Herbst bewusst. Die Erinnerungen an die letzten Monate und Tage mit Ihr überschwemmen mich.

Genau in diesem Moment des Schmerzes, in dem es so wichtig war loszulassen, hat meine Welt irgendwie aufgehört sich zu drehen. In Momenten der Veränderung merke ich immer deutlicher, dass ein Ende der Trauer nicht möglich ist. Für mich zumindest, ist es nicht möglich „drüber hinwegzukommen“, es „hinter mir zu lassen“. Auch wenn es viele Augenblicke voller Glück und Leben gibt…die Trauer wird nie enden. In meinem Leben hat Sie keinen Teil gespielt, Sie war mein Leben. Nicht im Sinne von Erfüllung und Zweck. Sie war meine Landkarte, meine moralische Instanz. Sie hat mir das Leben geschenkt, mehr als einmal. Zu begreifen, dass es jetzt ohne Sie weitergeht…weitergehen muss…unbegreiflich. Das Sie nicht wiederkommen wird, egal wie lange ich auch warte, dass geht mir nicht in den Kopf.

Wird dieses Gefühl, nicht mehr richtig durchatmen zu können, jemals wieder verschwinden? Die Intensität des Verlustschmerzes jedenfalls lässt nicht nach.

Was ich gelernt habe ist desillusionierend. Tränen versiegen nicht. Wut verschwindet nicht, sie sucht sich neue Ziele und ruht zwischendurch um Kraft zu tanken. Und dann ist die Wut wieder da und muss von aufs neue kontrolliert und gemäßigt werden.

Aber ich habe auch erfahren: Gefühle sind rational steuerbar und Glück und Freude sind immer möglich. Ich schaue mein Kind an und kann nicht verstehen wie es möglich ist zur gleichen Zeit pures Glück und tiefste Trauer zu empfinden.

Aber fühlen kann ich niemals wieder so wie damals. Als Sie noch lebte, lachte, sang und weinte.Als meine Sinne durch Ihre Aura an Kraft gewannen. Dumpf sind die Gefühle, die nicht mehr mit Ihr teilbar sind.

TrauerArbeit bedeutet für mich nicht mehr nur zu lernen, ohne Sie im Alltag weiterzuleben. Es bedeutet, mit den „globalen“ Konsequenzen einigermaßen klar zu kommen. Mit der Art und Geschwindigkeit der Trauer anderer zurecht zu kommen und es zu respektieren, wenn sie weitergehen.

TrauerArbeit bedeutet zu akzeptieren, dass andere ein Recht auf Leben haben obwohl es Ihr Leben nicht mehr gibt. Nicht nach dem Sinn zu suchen auch wenn Trost, ohne einen Sinn in dem Verlust zu sehen, eine sehr geringe Halbwertzeit hat. Sich nicht zu belügen, sondern auch mal mit dem Schicksal zu hadern. Der Verzweiflung Raum zu geben, ohne darin zu ertrinken.

Für mich ist es wichtiger geworden Gott zu verzeihen und ihm für die mit Ihr gelebte Liebe zu danken.

Doch…soweit bin ich noch nicht. Werde ich lange nicht sein. Das war mir nicht bewußt. Die „Zeit“ in dem Satz „Zeit heilt alle Wunden“ ist etwas sehr abstraktes, dehnbares und unwahrscheinliches geworden.
Aber ich will die Wärme und Kraft an mein Kind weitergeben, die Sie mir geschenkt hat. Die ich immer noch deutlich fühle, wie man die Wärme des Feuers fühlt auch nachdem es schon erloschen ist. Also werde ich die nahenden Veränderungen dulden und lernen, dass es so richtig ist wie es ist.

Die Trauer ist meine ständige Begleiterin geworden. Ich darf nicht aufhören weiter zu arbeiten. Jeden Tag.

Bis ich wieder bei ihr sein darf.

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10 Kommentare leave one →
  1. 18/10/2012 13:05

    Beim lesen Deiner Zeilen kommen mir die Tränen… ich kann das so gut nachfühlen. Als überhaupt ersten Todesfall meiner Familie musste ich letztes Jahr im November Abschied von meinem geliebten Opa nehmen. Und es vergeht kein Tag an dem ich nicht an ihm denke und mein Herz ist immer noch schwer wegen dieses Verlusts. Da ich mit meiner Mama ein überaus enges Verhältnis habe, vermag ich nicht zu ermessen wie sehr mich ihr Verlust einmal treffen wird und ich hoffe dass es noch sehr, sehr lange dauert bis es soweit ist. Es tut mir von Herzen leid für Dich dass Du Deine Mama so früh hast gehen lassen müssen.

    Fühl Dich lieb gedrückt!

    • 18/10/2012 17:42

      Danke für deine lieben Worte. Ich wünsche dir noch viele wunderbare Jahre mit deiner Mutter!

  2. 18/10/2012 13:47

    liebe i*lilly,
    anfang 2010 ist mein vater nach langem, langem leidensweg verstorben. da war ich gerade schwanger mit der Kleinen.
    unser miteinander war nicht immer leicht durch seine krankheit, aber als er starb hat mich das auch desillusioniert. irgendwie dachte ich immer, es wäre erleichternd ihn gehen zu lassen, aber das war es nicht und das wird es wohl niemals sein.
    die trauer bleibt.
    auch um das, was war oder anders gewesen sein könnte.
    dass man nichts zurückholen kann.
    dass es für immer ist.
    nicht zu ändern.
    dass die kinder keine bewusste, nur eine erzählte erinnerung an ihn haben werden. denn neben all den sorgen war er doch auch ein guter mensch.

    ich wünsche dir ganz viel kraft und sei dir gewiss, dass du mit deinen gedanken und gefühlen nicht allein bist auf der welt!

    fühl dich gedrückt.

    halitha

    • 18/10/2012 17:44

      Es ist tröstlich, dass es viele liebe Menschen wie euch gibt. Ich kann gut verstehen was du meinst und es ist sehr traurig, wenn Kinder ihre Großeltern nicht mehr kennenlernen dürfen.

  3. 18/10/2012 14:47

    Hallo Lilly.
    Das liest sich so unfassbar traurig, ich sitze hier und heule… Mein Vater ist vor 24 Jahren gestorben (da war ich 7, er 41) und was du da beschreibst kenne ich viel zu gut. Aber ich kann dir sagen, es wird besser. Es verschwindet zwar nicht, aber man lernt, damit zu leben. (Nur an seinem Todestag sitze ich jedes Jahr heulend in der Ecke und mit mit ist nix anzufangen…)
    Ich drück dich mal, wenn ich darf!
    Liebe Grüße,
    Jane

    • 18/10/2012 17:46

      Du darfst sehr gerne und ich hoffe, ich hab dich nicht zu sehr runtergezogen!

  4. Maria permalink
    18/10/2012 23:56

    bisher war ich stille Leserin, aber irgendwie triffst du oft genau meine Stimmung oder Gedanken. Ein paar Wochen vor der Geburt meines Kleinen ist mein geliebter Opi verstorben… ich durfte ihn schon Wochen vorher nicht mehr im Krankenhaus besuchen, weil er einen ansteckenden Virus in sich hatte – von dem aber niemand gedacht hätte, dass er sein Leben beendet.. Ich konnte mich somit nicht verabschieden.. musste die Trauer von mir fernhalten, mich „zusammenreißen“ – meinem Kind zuliebe.. und auch wegen meiner privaten Situation,.. kurz nach der Geburt meines Sohnes war die Beisetzung.. mit einem Neugeborenen war das irgendwie alles noch absurder und unrealistischer als sowieso schon. Ich kann sehr gut nachempfinden, wie du dich fühlst (behaupte ich mal) – mein Sohn macht mich glücklich.. aber trotzdem bin ich gleichzeitig sehr sehr traurig. Dass die beiden sich nicht mehr kennen lernen konnten.. dass er jetzt für immer weg ist… Und egal wie viel Zeit bisher vergangen ist – er fehlt mir und hinterlässt eine riesige Lücke. Deine Worte haben mich berührt – ich fühle mit dir und wünsche dir, dass die schönen&glücklichen Momente mit deinem Kind nicht zu sehr von der Trauer überschattet werden… und dass du ihm so eine tolle Mama bist, wie deine eine gewesen zu sein scheint !!!

    • iLilly blogt permalink
      19/10/2012 14:29

      Danke liebe Maria, ich freue mich, dass du mal kommentiert hast! So ein Ereignis ist eh schon schlimm, nicht in Ruhe trauern knnen weil man hochschwanger ist stelle ich mir sehr schwierig vor. Danke fr deine offenen Worte! Alles Liebe fr dich und dein Baby!

  5. 19/10/2012 10:36

    Liebe iLilly!
    Deine Worte sind so ehrlich und auch deshalb so traurig. Bei mir leben beide Eltern noch und auch die Großeltern bzw. sind verstorben als ich noch sehr klein war. Deshalb kann ich wahrscheinlich nicht mal ansatzweise nachvollziehen, was in Dir vorgeht. Ich kann verstehen, dass es Dich wütend macht und es schwer zu verstehen ist, wenn andere Menschen schneller mit dem Leben weiter machen. Jeder braucht seine eigene Zeit und hat seine eigene „Geschwindigkeit“ mit der Trauer zu leben. Ich denke auch, dass man nur mit der Trauer leben kann und sie in das Leben integriert. Ganz weg wird sie wohl nie sein. Ich wünsche Dir ganz viel Kraft für die kommende Zeit. GLG Katrin

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